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  • 2.10.2014 Klosterneuburg, Essl, 19:00 Eröffnung „die zukunft der malerei. eine perspektive"
    (3.10.2014-8.2.2015)
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    (Verleihung 19.1.2015)
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    (1.10.2014-11.1.2015)
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    (11.10.2014-1.2.2015)

Albrecht Altdorfer (um 1480–1538), Die Anbetung der Könige, 1530/35, Lindenholz, 110 x 77,5 cm, Städel Museum, Frankfurt am Main, Foto: Städel Museum - U. Edelmann – ARTOTHEK.

Fantastische Welten.

Albrecht Altdorfer und das Expressive in der Kunst um 1500

Deutschland
Frankfurt
Städel Museum
5.11.2014-8.2.2015

Österreich
Wien
Kunsthistorisches Museum
17.3.2015-14.6.2015

Ausstellungskatalog:
Stefan Roller, Jochen Sander,
Sabine Haag, Guido Messling (Hrsg.)
Mit einem Vorwort von Max Hollein
Beiträge von Daniela Bohde
Katrin Dyballa, Markus Hörsch
Susanne Jaeger, Guido Messling
Jochen Sander, Matthias Weniger
290 Seiten, 255 Abb. in Farbe
24 × 28 cm, gebunden
ISBN: 978-3-7774-2266-4
Hirmer Verlag, München

Albrecht Altdorfer (1480–1538), Grablegung Christi, 1518, Predellenflügel des Sebastiansretabels für St. Florian, Fichtenholz, 70,6 cm x 37,4 cm, Kunsthistorisches Museum Wien, Foto: Kunsthistorisches Museum Wien.

Albrecht Altdorfer (1480–1538), Landschaft mit Burg, um 1520-30, Pergament, auf Buche aufgeklebt, 30,5 x 22,5 cm, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Alte Pinakothek, München, Foto: Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Alte Pinakothek, München.

Hans Leinberger (dokumentiert 1510–1530), Maria mit Kind, ca. 1515/20, Bronze, Hohlguss, 45,5 x 21 x 16 cm, Staatliche Museen zu Berlin, Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst, Berlin Foto: bpk / Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst, Staatliche Medien zu Berlin / Antje Voigt.

Meister IP (tätig bis nach 1520), Johannesretabel, Mitteltafel: Taufe Christi, 1530, Birnbaumholz, holzsichtig gefasst mit Lasuren und Beizen; Schrein: Fichtenholz, farblich den Reliefs angepasst, Kostel Panny Marie před Týnem / Pfarrkirche Unserer Lieben Frau auf dem Teyn, Prag, Foto: Radovan Boček.

Meister IP (tätig bis nach 1520), Epitaph-Retabel, wahrscheinlich für Stefan Schlick, nach 1526, Lindenholz, heute ungefasst, mit Resten des Kreidegrunds einer späteren Fassung, Mitteltafel: Christus als Erlöser vom Tod, 100 x 97 cm, Nationalgalerie Prag, Prag, Foto: Nationalgalerie Prag, Prag.

Wolf Huber (1485–1553), Gefangennahme Christi, nach 1522, Lindenholz, 60,5 x 66,8 cm, Bayerische Staatsgemäldesammlungen/ Alte Pinakothek, München, Foto: Bayerische Staatsgemäldesammlungen/ Alte Pinakothek, München.

Wolf Huber (1485–1553), Große Landschaft mit Golgatha, um 1530, Feder in Braun, Wasser- und Deckfarben, 32,7 x 44,5 cm, Graphische Sammlung der Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg, (B 822) Foto: Graphische Sammlung der Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg.

Wolf Huber (1485–1553), Kopfweide, 1529, Feder in Grauschwarz, 16,1 x 11,1 cm, Graphische Sammlung der Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg (B 824), Foto: Graphische Sammlung der Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg.

Albrecht Altdorfer (um 1480–1538), Die Anbetung der Könige, 1530/35, Lindenholz, 110 x 77,5 cm, Städel Museum, Frankfurt am Main, Foto: Städel Museum - U. Edelmann – ARTOTHEK.

Landläufig ist der Epochenbegriff Renaissance mit der Wiederentdeckung antiken Formenvokabulars und der realistische Wiedergabe des Gesehenen verbunden. Das Städel Museum in Frankfurt stellt hingegen das Expressive der mitteleuropäischen Kunst des frühen 16. Jahrhunderts in den Mittelpunkt. Ausgehend von Albrecht Altdorfer (um 1480–1538) fragen die Kuratoren Stefan Roller und Jochen Sander nach wesentlichen Neuerungen in der süddeutschen Kunst, die zu überraschenden, weil modern wirkenden, expressiven Gestaltungsweisen führten.
Licht- und Farbeffekte sind genauso wie groteske Formen und Posen Elemente einer gesteigerten Innerlichkeit der Handlungsträger und der sie umfangenden Natur. Die 155 Werke des Katalogs, hauptsächlich von Albrecht Altdorfer, Wolf Huber (um 1485–1553), dem Passauer Bildschnitzer Meister IP (tätig bis nach 1520) und Hans Leinberger (dokumentiert in Landshut, 1510–1530) geschaffen, zeigen eine neue und erstaunlich internationale Stilsuche. Gemälden von Lucas Cranach d. Ä. (1472–1553), Hans Leu (um 1490–1531) oder Albrecht Dürer (1471–1528) werden Skulpturen, Druckgrafiken, Zeichnungen und Buchmalerei der folgenden Generation gegenübergestellt, um die medienübergreifende Bedeutung der expressiven Tendenzen zu belegen. Sechs Abschnitte gliedern die Kunst- und Kultgegenstände in thematische Gruppen, die von der Darstellung des hl. Christophorus zum Menschen, von der Perspektive auf die Passion zur Landschaft und schlussendlich zu den Auftraggeber_innen führen. Das Katalogbuch von Hirmer ist prächtig illustriert, wobei viel Wert auf ausführliche Objekttexte gelegt wurde.

Die so genannte „Donauschule“ und der Manierismus
Albrecht Altdorfer, ist ein Zeitgenosse Dürers und hat bei verschiedenen Gelegenheiten auch mit dem Nürnberger Meister zusammengearbeitet, darunter an der monumentalen Ehrenpforte Kaiser Maximilians und den Randzeichnungen des Gebetbuchs des Kaisers (im Anschluss an Dürer, Bibliotheque Municipale von Besançon und Staatsbibliothek München). Dürer war für Altdorfer in vielerlei Hinsicht Bezugspunkt und zugleich produktive Reibungsfläche. Bis heute werden seine Werke vor den Errungenschaften des berühmten Kollegen analysiert, denn hinter die Errungenschaften und Italienimporte Albrecht Dürers konnten und wollten Künstler wie Auftraggeber_innen nicht mehr zurück. Detailrealismus, Einsatz der Zentralperspektive, Diskurs über Anatomielehre und Idealproportionen, der schlussendlich in der Ausprägung einer Kunsttheorie mündete, sind hierfür die wichtigsten Stichworte und werden mit Arbeiten auf Papier (Zeichnungen, Kupferstiche und Holzschnitte[1]) vergegenwärtigt. Doch mit dem Erlangen des „Richtigen“ mittels eines elaborierten Regelwerks – so Jochen Sander – verlor es seine Faszination und der Regelverstoß wurde „Trumpf“ (S. 15). Einerseits lässt sich dieser Regelverstoß im Manierismus in Italien – z. B. im Spätwerk Raffaels und den Deckengemälden Michelangelos in der Sixtina – nachweisen, andererseits definierte sich der deutsche Kaiser darüber. Im Ausstellungskatalog zu Abrecht Altdorfer erklärte Pierre Vaisse (Paris 1984) die Kunst der „Donauschule“ als bewusst deutsche Handschrift, eine maniera und intentionale Reaktion auf die welsche Manier.[2] Die italienische Renaissance wäre eine an klassischen Idealvorstellungen orientierte Kunst, während die nordalpine Parallelerscheinung zum italienischen Manierismus und zu dessen Reaktion auf die Hochrenaissance wie auch dem Wunsch nach nationaler Abgrenzung entspräche. Christopher Wood hat im Anschluss daran 1993 über die Wiederentdeckung von Tacitus‘ „Germania“ (ca. 1498/1500) und die Deutung des Waldes als nationale Chiffre des Deutschen und der Zivilisationsüberdruss gearbeitet und diesen Mythos dekonstruiert.[3]

Mit Ausstellung und Katalog sollen vor allem die expressiven, anti-italienischen, anti-antikischen und damit auch „anti-dürerschen“ Qualitäten im Zentrum des Interesses gerückt werden. Diese verbinden Altdorfer mit einer Reihe von zeitgleichen Meistern in der Donauregion, die in den Zentren Regensburg, Passau und Wien ansässig waren. Die Tafelmaler Albrecht Altdorfer, Wolf Huber und der frühe Cranach d. Ä., die Bildhauer Hans Leinberger und Meister IP nutzten expressive Übersteigerung in ihren Werken. Es lässt sich leicht beobachten, dass sie sowohl die Schilderung des Menschen und seiner Umwelt, die Nutzung der Landschaft sowie meteorologischer und tageszeitlicher Phänomene zur stimmungshaften Aufladung des Dargestellten einsetzten. Die Ornamentalisierung der Bilddetails können schon mal in einem wahren horror vacui Gemälde und Skulpturen überwuchern.
Wie in Italien so wurden auch nördlich der Alpen ab 1500 erstmals Vorstellungen eines schöpferischen Virtuosentums greifbar (Guido Messling, S. 22). Dafür brauchten Künstler ein Publikum, das das erkennt und zu schätzen wusste (S. 23). Die Künstler der „Donauschule“ boten in ihren Werken neue Blickwinkel auf das Geschehen an. Sie verrätselten die Inhalte, betonten den Stimmungsgehalt oder arbeiteten mit (Bild-)Witz (S. 24).

Bislang wurde für diesen Stil im frühen 16. Jahrhundert der Begriff „Donauschule“ verwendet. Heute wird er in der Forschung zurückgewiesen, denn zum einen engt er den geografischen Rahmen zu sehr ein und zum anderen ist eine schulbildende Wirkung nicht nachweisbar. Stattdessen gehen die Kuratoren mehr von einem mitteleuropäischen Phänomen im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts aus, das ebenso in den Niederlanden, am Nieder- und Oberrhein, in der Schweiz und in Oberitalien, in Böhmen, Polen oder Norddeutschland zu finden ist. Eine begriffliche Neudefinition wird aber auch in dieser Publikation nicht vorgeschlagen. Die bis zu den 1980er-Jahren vorherrschende Konzentration auf das Werk von Albrecht Altdorfer wurde in dieser Ausstellung ebenfalls aufgelöst, denn Skulpturen werden gleichberechtig neben Gemälden und Zeichnungen gezeigt. Dadurch werden Hans Leinberger und Meister IP als Protagonisten der Kunst des Expressiven einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt.

Fantastische Welten im Katalog
Der Katalogteil ist wie die Ausstellung in sechs Sektionen unterteilt. Auf „Bilder des Menschen“ folgen die zwei zentralen Themen „Kreuzigung“ und „Landschaft“. Die Gestaltungsmittel des Expressiven wurden als folgende Phänomene identifiziert: als natürliches oder künstliches, als irdisches oder überirdisches Licht, Gewänder, Deformation, Ornamentalisierung und Dynamisierung. Anhand von Darstellungen des hl. Christophorus lässt sich nicht nur die Beliebtheit des Heiligen im Spätmittelalter und der Renaissance nachweisen (ein an den Heiligen gerichtetes Gebet sollte für den aktuellen Tag vor dem plötzlichen und unvorbereiteten Tod schützen), sondern auch der Umgang mit Kreativität und Fiktionalität. Welche Rolle bei der Ausprägung dieser „Renaissance des Nordens“ die Auftraggeber spielten, wird anhand des „Gebetbuchs Kaiser Maximilians I.“ dargestellt.

Albrecht Altdorfer
Guido Messling, Kurator am Kunsthistorischen Museum Wien, fasst zusammen, dass für Altdorfer kaum gesicherte, biografische Nachrichten existieren. Insgesamt haben sich etwa 50 Tafelbilder, einige Wandmalereifragmente, über 150 Zeichnungen und fast 250 Druckgraphiken vom Regensburger Meister erhalten. Sein expressiver Frühstil lässt sich ab 1520 nachvollziehen, dann folgen die Landschaften der 1530er-Jahre. Eine Verbindung zum Humanismus muss angenommen werden, da sich Altdorfer als selbstreflexiver Künstler ohne lineare Entwicklung in seiner Malerei zeigt. Er verfügte über unterschiedliche Gestaltungsmodi und zielte damit, so Messling, offenkundig auf unterschiedliche Kundeninteressen (S. 22). Zu den Spezialitäten Altdorfers zählen beispielsweise Hell-Dunkel-Zeichnungen. Sie sind vielleicht auf Anregung Lucas Cranachs entstanden und wurden schon früh kopiert. Altdorfer nutzte das Medium der Zeichnung offenbar nicht mehr nur als Gedankenstütze oder Skizze, sondern stellte Unikate her, die auch durch ihre Farbigkeit zu bestechen vermochten. Als Meister der Landschaft, von Raum und Licht, von Verschmelzung der Einzelphänomene zu einem Naturraum bewegte sich Albrecht Altdorfer im Diskurs rund um Konrad Conrad Celtis. Für den Wiener Humanisten war „die Welt in all ihren belebten wie unbelebten Erscheinungsformen von göttlichen Kräften beseelt, Natur- und Gottesschau (fielen) somit letztlich zusammen“ (S. 24). Albrecht Altdorfer ist mit zwei Tafeln aus dem Floriansaltar, „Niederknüppelung des hl. Florian“ und „Brückensturz des hl. Florian“ (um 1516/20), aus der Prager Národnígalerie und den Uffizien in Florenz, der „Heiligen Familie mit dem hl. Agapitus (oder Laurentius?)“ (1515 bzw. früher) aus Wien, die berühmten zwei Predellenflügel des Sebastiansretabel für St . Florian „Grablegung“ und „Auferstehung Christi“ (1518, Wien, KHM[4]) und der Frankfurter „Anbetung der Heiligen Drei Könige“ (um 1530/35) als Maler vertreten. Darüber hinaus zeigen unzählige Zeichnungen die Innovationen des wichtigen Regensburgers.

Hans Leinberger
Schwieriger war die Aufgabe von Matthias Weniger, die Künstler Albrecht Altdorfer und Hans Leinberger zusammenzubringen. Die beiden führenden Repräsentanten der zu behandelnden Formensprache[5] aus Regensburg und Landshut (60 km Distanz) scheinen einander zwar gekannt aber nie zusammengearbeitet zu haben. Parallelen zeigen sich bei den Auftraggebern für ihre Großprojekte, denn beide arbeiteten für Kaiser Maximilian und die Münchener Herzogsfamilie. Beide reagieren mit kleinformatigen Arbeiten auf das Wegbrechen der Aufträge aufgrund der Glaubensspaltung. Bei dem wohl älteren Künstler Altdorfer bot die kostengünstigere Grafik einen Zusatzverdienst. Leinberger ist hingegen als der Revolutionär der deutschen Skulptur bezeichnet worden. Er ließ Körper und Gewand formal und organisch stärker miteinander verschmelzen und brach so mit der spätgotischen Tradition am stärksten. Hans Leinbergers kleine „Maria mit Kind“ (um 1515/20, Bronze, Berlin[6]) folgt der byzantinischen Kunst, indem er ihr eine Pänula mit Kapuze und Stern auf der Schulter anzog. Die vollrunde Bronze stellt eine Ausnahme in seinem Werk dar, verweist allerdings auf einen seiner wichtigsten Aufträge für Kaiser Maximilian, nämlich lebensgroße Figuren für dessen Kenotaph in Innsbruck zu gestalten. Risse, Grate, die kaum nachbearbeitete Oberfläche lassen noch Probleme in der Umsetzung erkennen.

Beide, so Weniger, hätten bereits vorgefundene Tendenzen zu ihrer höchsten Vollendung geführt, Altdorfer baut auf die Werke Lucas Cranachs vor 1504 sowie Jörg Breus d. Ä. auf und Leinberger auf den sonst nicht bekannten Hans Hartlin aus Kronach, dem Geburtsort Cranachs. Die Vollendung von bereits vorhandenen Tendenzen bei gleichzeitigem Bruch mit der Tradition, so die Argumentation Matthias Weningers, lässt die Definition der „Donauschule“ noch schwieriger erscheinen und die Frage nach der Art der Verbindung zu heimischen Usancen aufkommen. Oder anders gefragt, erhält die „Donauschule“ ihre ästhetische Ausprägung aus einer spannenden Mischung aus Festhalten an Tradiertem und Übertreten dieser Regeln?[7]

Wolf Huber und Meister IP
Leichter als ihre Co-Autoren hatte es hingegen Susanne Jaeger, die Wolf Huber und Meister IP sogar „zwei kongeniale Künstler am Hof der Passauer Fürstbischöfe“ nennt. Deren außergewöhnlich enge künstlerische Beziehung lässt sich damit erklären, dass beide wohl seit dem zweiten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts in Passau ansässig und direkt für den Hof der dortigen Bischöfe[8] tätig waren. Meister IP, der namentlich bis heute nicht zu fassen ist, suchte die Darstellungen der Malerei und Graphik gleichwertig ins Relief zu übersetzen wenn nicht sogar diese zu übertreffen. Dazu gestaltete er Vorder-, Mittel- und Hintergrund perspektivisch und in unterschiedlicher Plastizität gestaffelt. Nur wenn auf Farbfassungen verzichtet wurde, konnten die überaus feinen Oberflächenstrukturen ihre volle Wirkung entfalten. Getönte Lasuren sowie partielles, transparentes Tönen bestimmter Partien wie Pupillen, Haare etc. und teilweise auch Politur unterstrichen die Effekte. Die eigenwilligen Ruinenarchitekturen im Werk Wolf Hubers und des Meisters IP nahm sich sogar Albrecht Altdorfer zum Vorbild. Nur hinsichtlich des Menschenbilds waren sich Wolf Huber und Meister IP uneins: Letzterer orientierte sich an dem antikisierenden Ideal der italienischen Renaissance und an Dürers „Vier Büchern von menschlicher Proportion“ (posthum publiziert 1528), als er nach 1525 daran ging, seine sechs Gliederpuppen[9] zu entwickeln. Dieses an der Antike und am Werk Dürers geschulte Figurenideal zeigt sich besonders in der Gegenüberstellung von Dürers Kupferstich „Adam und Eva“ (1504) und einem mehr als 20 Jahre später entstandenes Flachrelief des gleichen Themas vom Meister IP (um 1525/30, Wien, KHM[10]). Die Wirklichkeitsauffassung jenseits idealer Proportionen dokumentiert der „Männlicher Leichnam“ (um 1520/30, Essen[11]). Das monumentale „Johannesretabel“ (1520er Jahre, Prag[12]) mit einer zentralen Taufe Christi ist zwar nur im Katalog zur Gänze abgebildet aber ein wichtiger Hinweis auf die überregionale Bedeutung des Bildschnitzers und seines antikisch-expressiven Stils.

Wolf Huber ist u. a. mit vier Entwurfszeichnungen (1519, München, Staatliche Graphische Sammlung) sowie acht Altarblättern aus dem „Annenaltar“ in Feldkirch (1521, Feldkirch, Dom und Stadtpfarrkirche St. Nikolaus) und der „Geißelung Christi“ aus St. Florian (1525, Augustiner-Chorherrenstift St. Florian[13]), der aus extremer Perspektive gezeigten „Kreuzaufrichtung“ (nach 1522, Wien, KHM[14]) und einer „Flucht nach Ägypten“ (um 1526/30, Berlin, Gemäldegalerie) in der Schau vertreten. Zu den sehenswerten Arbeiten, die allerdings nur in Frankfurt ausgestellt wird, zählt Hubers „Große Landschaft mit Golgatha“ (um 1530, Erlangen[15]), deren abendliches Licht so sehr fasziniert, dass man fast die drei Kreuze in der rechten Hälfte der aquarellierten Zeichnungen übersieht. Über diesen Verlust soll in Wien die „Voralpenlandschaft“ (1522, Berlin[16]) hinweghelfen, die neben Zeichnungen von „Kopfweiden“ (1514) und „Ansichten von Feldkirch“ (1523 und 1548) zu den frühesten autonomen Landschaftsdarstellungen zählt.

Das zweite Gebetbuch für Kaiser Maximilian – eine Gruppenarbeit
Das in 10 Exemplaren gedruckte Gebetbuch von Kaiser Maximilian I. wurde 1514 und 1515 zunächst von Albrecht Dürer, dann aber auch von Lucas Cranach d. Ä., Jörg Breu d. Ä. (Augsburg um 1475/80–1537 Augsburg), Hans Burgkmair d. Ä. (Augsburg 1473–1531 Augsburg), Hans Baldung, gen. Grien (Schwäbisch-Gmünd 1484/85–1545 Straßburg), Albrecht Altdorfer und einem anonymen Altdorfer-Mitarbeiter mit Randzeichnungen versehen. Maximilian hatte das Gebetbuch und den angeschlossenen Kalender wohl für die Mitglieder des St. Georgs-Ritterordens bzw. der St. Georgs-Bruderschaft bestimmt. Die schwierigen Verhandlungen mit dem Papst um die förmliche Approbation dieses Kalenders mit vielen selig gesprochenen Vorfahren des Kaisers sollten letztlich erfolglos bleiben und trugen so zum Abbruch der Arbeiten am Gebetbuch Anfang 1516 bei. Das beim Tod des Kaisers 1519 unvollendete „Diurnale seu liber precum“ gelangte in den Besitz von Kardinal Granvella (1517–1586). Nach dessen Ableben wurde das Gebetbuch geteilt; der erste Teil gelangte nach München, der zweite verblieb in Besançon. Die selten ausgestellten Teile sind inzwischen digitalisiert und online zugänglich (Besançon: http://bib.besancon.fr/cgi-bin/abnetclop/O7501/ID070ee35a/NT5; München: https://opacplus.bsb-muenchen.de/metaopac/search?oclcno=49766172&db=100).

Inhaltsverzeichnis:
Guido Messling, Anarchist und Apelles? Altdorfer und der deutsche Humanismus, S. 21–25.
Matthias Weniger, Altdorfer und Leinberger, S. 27–33.
Susanne Jaeger, Wolf Huber und Meister IP – zwei kongeniale Künstler am Hof der Passauer Fürstbischöfe, S. 35–39.
Jochen Sander, Bilder des Menschen, S. 41–43.
Daniela Bohde, Schräge Ansichten bei Kreuzigungen und anderen Passionsszenen, S. 85–87.
Katrin Dyballa, Landschaft als Ausdrucksträger, S. 115–117.
Katrin Dyballa, Mittel des Expressiven, S. 149–151.
Guido Messling, Weltenlast, Naturgewalten: Bilder des Hl. Christophorus, S. 233.
Markus Hörsch, Künstler und Auftraggeber, S. 251–253.

Biografie von Abrecht Altdorfer (um 1480–1538 Regensburg):
Am 13. März 1505 Albrecht Altdorfer erhielt das Bürgerrecht in Regensburg und ist damit zum ersten Mal greifbar.
1506 Einführung seines Monogramms
1507 Mit der „Satyrfamilie“ (Berlin) schuf Altdorfer das erste bekannte mythologische Tafelbild der deutschen Kunst.
1508Venus züchtigt Amor“ (Kupferstich)
Illustrationen zu der von Grünpeck verfassten Lebensgeschichte Kaiser Friedrichs und Maximilians
um 1516–1520 Altar für die Abtei St. Florian
Mitglied des Inneren Rates in Regensburg
1519 Vertreibung der Juden aus Regensburg
1529 Malte die „Alexanderschlacht“ (München, Alte Pinakothek)
um 1535 Badehausfresken im Regensburger Bischofshof
1537Lot und seine Töchter“ (Wien, KHM)
1538 starb Albrecht Altdorfer in Regensburg.

Biografie von Wolf Huber (Feldkirch, um 1485–1553 Passau):
160 teils von ihm selbst monogrammierte und datierte bzw. als eigenhändig eingestufte Zeichnungen, darunter die frühesten autonomen Landschaftsdarstellungen der europäischen Kunst, 20 Tafelbilder, je zwei Passionsdarstellungen in St. Florian und der Alten Pinakothek sowie zwei Tafeln mit Szenen aus dem Marienleben in Berlin und dem Bayerischen Nationalmuseum, Acht Porträts.
1510 Wolf Hubers „Ansicht des Mondsees bei Salzburg
1511 und 1513 Urfahr bei Linz und die Harburg an der Wörnitz bei Nördlingen/Ries
vermutlich kurz nach 1510 am Passauer Hof mit eigener Werkstatt tätig
1515 Vertrag über die vollständigen Fertigung des Altarretabels für die Annenbruderschaft seiner Heimatstadt Feldkirch, der ein Jahr später fertiggestellt sein soll.
1515–1520 Holzschnitte
1529 Erweiterung der mittelalterlichen Anlage von Schloss Neuburg am Inn um zwei Renaissanceflügel und Ausstattung mit Fresken und Terrakotten

Biografie von Hans Leinberger (dokumentiert in Landshut, 1510–1530):
1510/11 vermutlich in Landshut niedergelassen
1513 Erstes datiertes Werk: Relief mit der Heiligen Anna Selbdritt im Kloster Gnadenthal in Ingolstadt
1514 Vollendung des Hochaltars der Stiftskirche in Moosburg
23. Dezember 1526 Auftrag für das Augustiner-Chorherrenstift Polling bei Weilheim den Auftrag, die Figuren für den Hochaltar der Pollinger Pfarrkirche bis 1527
1529/30 Leinberger erhielt feste Soldzahlungen durch den Landshuter Hof

Biografie von Meister IP (um 1490 – tätig bis nach 1530):
Werdegang und Leben sind weitgehend ungeklärt. Sein Monogramm findet sich auf drei kleinformatigen Reliefs: „Heimsuchung“ (Prag, Nationalgalerie), dem Wiener „Sündenfall“ (1521, Österreichische Galerie Belvedere) und eine „Beweinung“ (St. Petersburg, Eremitage). Es werden ihm und seiner Werkstatt elf großformatige Werke – darunter vier erhaltene Altarretabel bzw. Reste von solchen – zugeschrieben sowie etwa zwei Dutzend kleinere und kleinformatige Werke.

Weitere Künstler in der Ausstellung:
Erhard Altdorfer (um 1485 –1561 Schwerin)
Lucas Cranach d. Ä. (Kronach 1472–1553 Weimar): Holzschnitte: „Urteil des Paris“ (1508, Frankfurt am Main, Städel Museum) und „Büßender hl. Hieronymus“ (1509, Frankfurt am Main, Städel Museum); Gemälde: „Büßender hl. Hieronymus“ (1502, Lindenholz, 56 x 41,4 cm, Wien, KHM)
Peter Dell d. Ä. (Würzburg 1490–1552 Würzburg) „Kalvarienberg
Albrecht Dürer (Nürnberg 1471–1528 Nürnberg)
Urs Graf (Solothurn 1485–1527/28 Basel)
Hans Baldung, gen. Grien (Schwäbisch Gmünd 1484/85–1545 Straßburg)
Mathis Gothart Nithart, gen. Grünewald (Würzburg um 1480–1528 Halle/S.)
Georg Lemberger (Landshut, um 1490/1500–um 1545 [?] Magdeburg oder Leipzig [?]): „Sündenfall und Erlösung“ (1535, Lindenholz, 66,9 x 80,3 cm, Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum)
Hans Leu d. J. (Gubel/Zürich um 1490–1531 Menzingen)
Meister von Meßkirch (tätig in Süddeutschland in der 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts): „Kreuzigung Christi“ (um 1530, Leinwand auf Tannenholz aufgezogen, 98 x 73 cm, Schwäbisch Hall, Sammlung Würth)
Hans Mielich (München 1516–1573 München, Maler und Buchillustrator)



[1] Es sind von Albrecht Dürer im Katalog abgebildet aber nicht auf beiden Stationen gleichermaßen zu sehen: Adam und Eva (Sündenfall) (1504, Kupferstich, Frankfurt, Städel Museum), Reiter und Landsknecht (um 1496, Zeichnung, Albertina), Der hl. Franziskus empfängt die Wundmale (um 1503/04, Holzschnitt, 21 x 14,4 cm, Frankfurt am Main, Städel Museum).

[2] Pierre Vaisse, Überlegungen Donauschule, in: Altdorfer (Ausst.-Kat. Paris 1984), Paris 1984, S. 149–162, hier S. 162. Auch: Jacqueline und Maurice Guillaud, Altdorfer und der fantastische Realismus in der deutschen Kunst, Stuttgart 1984.

[3] Christopher Wood, Albrecht Altdorfer and the Origins of Landscape, Chicago 1993.

[4] Fichtenholz, 70,6 x 37,4 cm bzw. 70,7 x 37,1 cm, Wien, Kunsthistorisches Museum, Gemäldegalerie, Inv.-Nrn. 6427 u. 6796.

[5] Vergleichbar: Eine große Freiheit im Umgang mit den überlieferten Bildgattungen und Kompositionsweisen. Der Verzicht auf die überkommenen gotischen Schönheitsideale. Eine neue Form der Landschaftswiedergabe und die Suche nach dem vermeintlich authentischen Marienbild, in Auseinandersetzung mit byzantinischen Vorlagen. Hierbei ging es auch um die konkrete formale Gestaltung, insbesondere in der Zeichnung der Gewänder. Dominanz der Linie

[6] Hohlguss, 45,5 x 21 x 17,5 cm, Berlin, Staatliche Museen zu Berlin, Skulpturensammlung und Museum für byzantinische Kunst, Inv.-Nr. 381.

[7] Und ist demzufolge die außergewöhnliche Position Albrecht Dürers – unabhängig davon, dass er der erste deutsche Künstler war, der sich so sehr auf die italienische Renaissance eingelassen hat – nicht dadurch auch ihre Berechtigung? Niemand aus seinem (geografischen) Umkreis hat sich so sehr und konsequent auf das Erarbeiten wissenschaftlicher Grundlagen der Kunst eingelassen.

[8] Passau war ein Suffraganbistum der Erzdiözese Salzburg und eine der größten Diözesen des Heiligen Römischen Reichs.

[9] Diese Gliederpuppen (ein Puppenpaar in Innsbruck, Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Inv.-Nrn. P 415, P 416 und eine beleibtere Frau in Leipzig, GRASSI Museum für Angewandte Kunst, weitere drei in Berlin, Madrid und Hamburg) werden Meister IP zugeschrieben!

[10] Relief, Birnbaumholz, ungefasst, 19,9 x 16,5 cm, Wien, Kunsthistorisches Museum, Kunstkammer, Inv.-Nr. KK 3984.

[11] Buchsbaumholz, H. 24 cm, Essen, Olbricht Collection.

[12] Reliefs Birnbaumholz, holzsichtig gefasst mit Lasuren und Beizen, Schrein Fichtenholz, farblich den Reliefs angepasst; H. gesamt ca. 5,90 m; Predella 62 x 78 cm; Schrein 141 x 91 cm; Flügel 150 x 64 cm; Lünette Versuchungen Christi54 x 97 cm; Auszug Kreuzigung H. 79 cm, Prag, Pfarrkirche Unserer Lieben Frau auf dem Teyn.

[13] Inv.-Nr. HK 9/33/34.

[14] Nur in Wien zu sehen; Fichtenholz, 114,6 x 152,9 cm, Wien, Kunsthistorisches Museum, Gemäldegalerie, Inv.-Nr. 921.

[15] Feder in Braun, Wasser- und Deckfarben, 32,7 x 45,3 cm, Erlangen, Graphische Sammlung der Universität.

[16] Pinsel, Wasser- und Deckfarben, 21,1 x 30,6 cm, Berlin, Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett, KdZ 2061.