Trude Fleischmann (1895–1990 ), Oskar Kokoschka und Olda Palkovska, Detail, London 1939 © Universität für angewandte Kunst Wien, Oskar Kokoschka-Zentrum.
NEWS
  • 15.8.2013 Kasper König als Chef-Kurator der Manifesta 10 in St. Petersburg 2014 bestimmt
    (28.6.-31.8.2013)
  • 4.7.2013 Wien, Secession, 18:00 Künstlergespräch in Englisch „ROBERT IRWIN"
    19:00 Ausstellungseröffnung „ROBERT IRWIN Double Blind / THOMAS LOCHER Homo Oeconomicus / ROSSELLA BISCOTTI The Side Room"
    (5.7.-1.9.2013)
  • 13.5.2013 Wien, WAGNER:WERK Museum Postsparkasse, 19:00 Ausstellungseröffnung „THEOPHIL HANSEN 1813 – 2013. Ein Stararchitekt und seine Wohnbauten an der Wiener Ringstraße"
    (14.5.-17.8.2013)
  • 16.4.2013 Klosterneuburg, Schömer Haus, 19:30 Ausstellungseröffnung „Der Himmel im Garten. Natur-Landschaften"
    (17.4.2013-Frühjahr 2014)
  • 10.4.2013 Wien, Hermesvilla, 19:00 Ausstellungseröffnung „Sattlers Kosmorama. Eine Weltreise von Bild zu Bild"
    (11.4.-3.11.2013)
  • 6.4.2013 Mistelbach, nitsch museum im Museumszentrum Mistelbach, 18:30 Ausstellungseröffnung „Hermann Nitsch. Sinne und Sein. Retrospektive"
    (7.4.-31.7.2014)
  • 12.3.2013: Wien, MAK, 19:00 Eröffnung „LOOS. Zeitgenössisch" Eine Kooperation von Columbia University, New York und MAK Wien
    (13.3.2013-23.6.2013)

Ausstellungsansicht Ausstellungsansicht "Kokoschka - Das Ich im Fokus" im Leopold Museum 2013, Foto: Alexandra Matzner.

Kokoschka - Das Ich im Brennpunkt

Eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Oskar Kokoschka-Zentrum der Universität für angewandte Kunst Wien

Wien
Leopold Museum
04.10.2013 – 27.01.2014

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Lebenslauf OK
Exil und neue Heimat

Oskar Kokoschka, Reiter und Segelschiff, Postkarte Nr. 55 der Wiener Werkstätte, 1907, Sammlung Leopold II, Foto: Alexandra Matzner. Oskar Kokoschka, Reiter und Segelschiff, Postkarte Nr. 55 der Wiener Werkstätte, 1907, Sammlung Leopold II, Foto: Alexandra Matzner.

Oskar Kokoschka, Selbstbildnis, eine Hand an den Mund gelegt, 1918-1919, Leopold Museum, Wien, Inv. 623 © Leopold Museum, Wien/Fondation Oskar Kokoschka/VBK, Wien 2013. Oskar Kokoschka, Selbstbildnis, eine Hand an den Mund gelegt, 1918-1919, Leopold Museum, Wien, Inv. 623 © Leopold Museum, Wien/Fondation Oskar Kokoschka/VBK, Wien 2013.

Oskar Kokoschka, Maler mit Puppe, um 1922, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, Erworben durch das Land Berlin, Foto: Alexandra Matzner. Oskar Kokoschka, Maler mit Puppe, um 1922, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, Erworben durch das Land Berlin, Foto: Alexandra Matzner.

Oskar Kokoschka, Der Maler und sein Modell II, 1923, Saint Louis Art Museum, Bequest of Morton D. May 910: 1983 © Fondation Oskar Kokoschka/VBK, Wien 2013. Oskar Kokoschka, Der Maler und sein Modell II, 1923, Saint Louis Art Museum, Bequest of Morton D. May 910: 1983 © Fondation Oskar Kokoschka/VBK, Wien 2013.

Madame d`Ora (Dora Kallmus), Oskar Kokoschka, Paris 1930 © Universität für angewandte Kunst Wien, Oskar Kokoschka-Zentrum © Fondation Oskar Kokoschka/VBK, Wien 2013, Foto: Alexandra Matzner. Madame d`Ora (Dora Kallmus), Oskar Kokoschka, Paris 1930 © Universität für angewandte Kunst Wien, Oskar Kokoschka-Zentrum © Fondation Oskar Kokoschka/VBK, Wien 2013, Foto: Alexandra Matzner.

Trude Fleischmann (1895–1990 ), Oskar Kokoschka und Olda Palkovska, London 1939 © Universität für angewandte Kunst Wien, Oskar Kokoschka-Zentrum. Trude Fleischmann (1895–1990 ), Oskar Kokoschka und Olda Palkovska, London 1939 © Universität für angewandte Kunst Wien, Oskar Kokoschka-Zentrum.

"Entartete Kunst", Ausstellungsansicht "Kokoschka - Das Ich im Fokus" im Leopold Museum 2013, Foto: Alexandra Matzner.

Emil Kroner, Oskar Kokoschka vor Emil Kroner, Oskar Kokoschka vor "Anschluss - Alice im Wunderland", 1942-1943 © Universität für angewandte Kunst Wien, Oskar Kokoschka-Zentrum.

Earl Seubert (Schubert), Oskar Kokoschka als Gastdozent an der Minneapolis School of Arts, USA 1957 © Universität für angewandte Kunst Wien, Oskar Kokoschka-ZentrumAusstellungsansicht Earl Seubert (Schubert), Oskar Kokoschka als Gastdozent an der Minneapolis School of Arts, USA 1957 © Universität für angewandte Kunst Wien, Oskar Kokoschka-ZentrumAusstellungsansicht "Kokoschka - Das Ich im Fokus" im Leopold Museum 2013, Foto: Alexandra Matzner.

Earl Seubert (Schubert), Oskar Kokoschka rauchend als Gastdozent an der Minneapolis School of Arts, USA 1957 © Universität für angewandte Kunst Wien, Oskar Kokoschka-Zentrum. Earl Seubert (Schubert), Oskar Kokoschka rauchend als Gastdozent an der Minneapolis School of Arts, USA 1957 © Universität für angewandte Kunst Wien, Oskar Kokoschka-Zentrum.

Oskar Kokoschka, London, Blick auf die Themse vom Shell Mex Building, 1959 © Tate © Fondation Oskar Kokoschka/VBK, Wien 2013. Oskar Kokoschka, London, Blick auf die Themse vom Shell Mex Building, 1959 © Tate © Fondation Oskar Kokoschka/VBK, Wien 2013.

Kokoschka mit deutscher Politprominenz, Ausstellungsansicht Kokoschka mit deutscher Politprominenz, Ausstellungsansicht "Kokoschka - Das Ich im Fokus" im Leopold Museum 2013, Foto: Alexandra Matzner.

Sven Simon (1941–1980), Oskar Kokoschka und Konrad Adenauer beim Schnapstrinken vor dem Adenauer-Portrait, Cadenabbia, 1966 © Universität für angewandte Kunst Wien, Oskar Kokoschka-Zentrum © Fondation Oskar Kokoschka/VBK, Wien 2013 © Fotoagentur Sven Simon. Sven Simon (1941–1980), Oskar Kokoschka und Konrad Adenauer beim Schnapstrinken vor dem Adenauer-Portrait, Cadenabbia, 1966 © Universität für angewandte Kunst Wien, Oskar Kokoschka-Zentrum © Fondation Oskar Kokoschka/VBK, Wien 2013 © Fotoagentur Sven Simon.

Zirka 230 Fotografien, 30 Gemälde und 50 Arbeiten auf Papier von und mit Oskar Kokoschka (1886–1980), so die Bilanz der Herbstausstellung des Leopold Museums, Wien. Das Kuratorenteam Tobias G. Natter, Franz Smola, Patrick Werkner und Bernadette Reinhold wählten aus den ca. 5.000 erhaltenen Aufnahmen, die Dr. Olda Kokoschka (1915–2004) der Universität für angewandte Kunst in Wien hinterlassen hat, knapp 230 zum Werdegang und zur medialen Wirkung des berühmten Künstlers aus und ergänzten sie durch wichtige Leihgaben aus aller Welt. Der Titel „Kokoschka – Das Ich im Brennpunkt“ fokussiert auf die repräsentative Funktion der Medien: Im Zentrum steht Kokoschka, Fotografien und Kunst gewähren einen Einblick in dessen Leben von seinen Postkartenentwürfen für die Wiener Werkstätte über die berühmten Städteansichten bis zum späten Gemälde „Amor und Psyche“ und der Lithografiefolge „Jerusalem Faces“ (1973).

Oskar Kokoschka, Plakate 1910 und 1912, Ausstellungsansicht Oskar Kokoschka, Plakate 1910 und 1912, Ausstellungsansicht "Kokoschka - Das Ich im Fokus" im Leopold Museum 2013, Foto: Alexandra Matzner.
Dandyhafter Boehmien?
Die frühesten Aufnahmen zeigen Oskar Kokoschka und seine Kommilitonen von der k.k. Kunstgewerbeschule in Wien in ihrer Aktzeichenklasse aus dem Studienjahr 1905/06. Seit 1904 studierte Kokoschka in der Klasse von Anton Ritter von Kenner (1871–1951) in der „Abteilung für Lehramtskandidaten für das Freihandzeichnen an Mittelschulen“. Die Aktmodelle werden fragmentiert ins Bild mit aufgenommen, die Studenten tragen Anzüge und darüber Malerkittel, sind ausgelassen oder studieren eifrig in ihren Büchern. Vielleicht liegt in dieser durchaus bürgerlichen Auffassung des Künstlertums – Studium, Handwerk, traditioneller Kleidungsstil, der nur manchmal durchbrochen wird – auch eine wichtige, bis zum Lebensende Kokoschkas nachvollziehbare Prägung.
Bereits die ersten Porträtaufnahmen des jungen Oskar Kokoschka aus dem Jahr 1909 zeigen eine spannende Mischung aus traditionell bürgerlichem bis dandyhaftem Kleidungsstil und geschorenem Haupt, mit Hilfe dessen er sich als Außenseiter stilisierte. Auch die Wahl des angesehenen Hoffotografen Wenzel Weis (1858–1929) lässt darauf schließen, dass Kokoschka mit dem Diktum „Oberwildling“[1] inszenatorisch und medial geschickt umzugehen wusste. Auf der „Internationalen Kunstschau“ von 1909 war Kokoschka mit aufsehenerregenden Kunstwerken und der Uraufführung seiner Drama-Komödie „Mörder Hoffnung der Frauen“ vertreten. Das in der Ausstellung gezeigte und inzwischen ikonenhafte Plakat bewirbt die Aufführung mit einer Beweinung: Eine bleiche Frau hält einen blutroten, scheinbar toten Mann in ihren Armen. Über den beiden schweben Sonne und Mond als Symbol für das männliche und weibliche Prinzip. Bei der Uraufführung am 4. Juli 1909 geriet das Publikum über die expressionistisch-schauspielerische Umsetzung des Geschlechterkampfes in Rage. Daraufhin rasierte sich der Künstler eine Glatze und inszenierte sich sowohl in einer Fotografie als auch einem Plakat für die Präsentation der Zeitschrift „Der Sturm“ als verkannter, von der Gesellschaft ausgestoßener Künstler. Er zeigt sich als weiße Figur vor rotem Grund, mit kahl geschorenem Haupt, wie Christus auf eine Seitenwunde zeigend. In seiner Autobiografie schrieb der Künstler über die zweite Version des Plakats, das er 1912 für einen Vortrag in Wien wiederverwendete: „Es war als ein Vorwurf an die Wiener gerichtet.“[2]

Frühe Förderer: Herwarth Walden und Alma Mahler
Die ersten Jahre fand Oskar Kokoschka nicht nur wohlwollende Aufnahme im Kreis rund um Gustav Klimt (1862–1918) und stellte mit der Klimt-Gruppe 1908 und 1909 auf den beiden Kunstschauen aus, sondern auch Unterstützung durch Adolf Loos (1870–1933). Loos brachte Kokoschka mit Mäzenen der Wiener Gesellschaft zusammen und finanzierte dessen erste Reise in die Schweiz, wo sich Kokoschka erstmals mit der Landschaftsmalerei beschäftigte.
Frühe Erfolge stellten sich, unterstützt vom Berliner Galeristen und Verleger Herwarth Walden (1879–1941)[3] und Alma Mahler (1897–1964), vor allem in Deutschland ein, wohin der Künstler auch nach der Trennung von Mahler und den dramatischen Erlebnissen im Ersten Weltkrieg zog.
Walden war nach Aussage Kokoschkas „eine Art von Mahdi, Prediger einer exaltierten Lehre als Weg zu einer höheren geistigen Existenz in einer besseren und neuen Welt. Ein Fanatiker des Expressionismus.“[4] Er könnte Kokoschka mit dessen späteren Galeristen Paul Cassirer bekannt gemacht haben. Aufgrund Kokoschkas Aufenthalt in Berlin und dessen Mitarbeit in der Sturm-Redaktion ab Mai 1910 dürfte das der Ausstellung gezeigte „Bildnis Herwarth Waldens“ (Stuttgart) daher auf Juni 1910 zu datieren sein. Diese Erfolge in Deutschland ermunterten Kokoschka vielleicht den Großteil des Jahres 1910 in Berlin zu verbringen und die Gestaltung der Zeitschrift maßgeblich mitzuprägen.
Alma Mahler lernte Oskar Kokoschka 1912 anlässlich eines Porträtauftrags in Wien kennen. Die „Salonlöwin“ hatte sich ihre finanzielle Unabhängigkeit gesichert und in ihrem Haus verkehrten Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst. Kokoschka verliebte sich Hals über Kopf in sein Modell – wobei ihn wohl mehr ein erträumtes Ideal als die wirkliche Person faszinierte. Aus Eifersucht, vielleicht auch aus der irrigen Annahme, die Gesellschaft stünde zwischen ihnen, wollte er Alma aus ihrer gewohnten Umgebung herausreißen. Als die Beziehung im Juni 1915 schlussendlich zerbrach, meldete sich Kokoschka freiwillig zum Kriegsdienst und wurde als Kavallerist zwei Mal nahezu tödlich verwundet. Im Jahr 1918 ließ sich der Traumatisierte und „verstoßene Liebhaber“, wie sich Kokoschka selbst sah, einen Alma-Fetisch anfertigen. Die Münchener Malerin und Puppenmacherin Hermine Moos (1888–1928) sollte ihm einen Ersatz für die verlorene Geliebte anfertigen. Trotz intensiver Bemühungen der Puppenmacherin, die sich mit ihrem Geschöpf auch ablichten ließ (!), war dem Künstler der Puppenkörper jedoch zu wenig realistisch. Obwohl er die Puppe als ein missratenes Monstrum empfand, nutzte Kokoschka sie zwei Jahre lang als Modell. 1922 zerstörte er sie.

Der „Foto-Skeptiker“ als Modell berühmter Fotograf_innen
Oskar Kokoschka besaß wahrscheinlich selbst keine Kamera und hatte ein gespaltenes Verhältnis zur Fotografie. Das Ablichten war für Kokoschka eine einfache mechanische Wiedergabe der Wirklichkeit und kein künstlerischer Akt. Der Künstler, so war er sich sicher, hätte einen interpretierenden Blick. Im Gegensatz dazu dürfte seine spätere Frau Olda jedoch schon sehr früh eine Kamera besessen haben, denn einige der privatesten Aufnahmen aus den 30er Jahren stammen von ihr selbst.
Nichtsdestotrotz ließ sich Kokoschka immer wieder porträtieren. In der Zwischenkriegszeit fand er sich sogar im Pariser Atelier von Madame d´Ora (eigentlich Dora Kallmus, 1881–1963) ein, die ihn in einem weißen Anzug mit kurzer Hose wie einen zu groß geratenen Schulbuben aussehen lässt. Brassaï (eigentlich Gylua Halasz, 1899–1984) machte die scheinbar spontansten inszenierten Aufnahmen des 1930 völlig Mittellosen. Eine Ausstellung der Galerie Cassirer war in Paris gefloppt, Kokoschka lebte in der Villa Camélias, in der sich kurz zuvor Jules Pascin (1885–1930) das Leben genommen hatte. Kokoschka mochte das Haus nicht, beschrieb es als karg, kalt und finster. Die Fotos zeigen einen im Garten sich amüsierenden Maler im Morgenmantel, einen Gestürzten und einen Kokoschka im Atelierraum mit großem Spiegel, der raucht und Café trinkt. Die prekäre finanzielle Lage des Künstlers scheint dessen Lebenslust nicht getrübt zu haben.

Reisekünstler und Lehrer
In den Jahren 1919 bis 1923 hatte Oskar Kokoschka eine Professur an der renommierten Dresdner Kunstakademie inne. In diesen Jahren fand er zu reinen, leuchtenen Farben wie der Bildvergleich zwischen Die Freunde“ (1917/18) und „Der Maler II (Maler und Modell II)“ (1923) offenkundig werden lässt. Im Jahr 1925 schied Kokoschka freiwillig aus dem Kollegium in Dresden aus, denn er wollte frei sein und reisen. Finanziert wurden die Malexpeditionen rund um das Mittelmeer vom Berliner Galeristen Paul Cassirer, der die so entstandenen Bilder gleich erwarb. Wie sich Oskar Kokoschka im Schützengraben während des ersten Weltkriegs geschworen hatte, widmete er sich nun nur mehr der Schönheit der Welt.
Paris, London, Venedig gehörten zu den ersten Zielen in Europa, gefolgt von Nordafrika im Frühjahr 1928. Ein Angestellter der Galerie, Helmuth Lütjens, begleitete ihn und machte zahlreiche Fotografien, die Jahre später von Olda in ein Album geklebt wurden. Man sieht Kokoschka im Gespräch mit Beduinen, auf einem Esel reitend in der Wüste oder bei der Rast in einer Oase. Vom algerischen Biskra aus fuhr Kokoschka zwischen dem 22. und 29. Februar täglich in das nahe gelegene Col de Sfa. Von einer Anhöhe des Aurès-Gebirges hielt er im Bild „Exodus (Col de Sfa bei Biskra)“ die Wüste fest: tiefblau-violette Schatten treffen auf goldocker-orangefarbene Dünen in einer unendlichen Tiefe. In einem Brief nach Hause schrieb der Maler: „Ich sitze in der Wüste und male. Ich werde von einem Wagen hin und zurückgefahren mit meinem Zeug. Hie und da kommen Karawanen vorbei, die auf´s Bild kommen sollen. Sie ziehen jetzt schon langsam mit ihren Tieren, Kamelen und Schafen ins Gebirge, weil es im Süden, wo die wirkliche Wüste ist, schon siedet.“[5]
Die Wochen zwischen seinen Reisen verbrachte Kokoschka ab 1925 wieder in Wien, denn er hatte seiner Familie im Sommer 1920 im Liebhartstal (16. Bezirk) ein Haus gekauft. 1934 reiste er nach Prag, um Tomáš Garrigue Masaryk zu porträtieren. Noch im selben Jahr lernte er den Prager Rechtsanwalt Dr. Palkowsky kennen. Dieser hatte selbst eine kleine Kunstsammlung und war mit Kokoschka über die Kunsthandlung Paul Cassirer bekannt geworden. Dessen Tochter Olda hatte gerade ihr Studium der Rechtswissenschaften begonnen, das sie 1938 mit einer Dissertation abschloss. Die privaten Fotos des Paares Oskar und Olda dokumentieren den unbeschwerten, zwanglosen Umgang zwischen ihnen. Nichts deutet auf die immer schwierigeren Verhältnisse im Land hin. Nach Abschluss von Oldas Studium 1938 gelang ihnen gemeinsam die Flucht nach England, wobei die junge Juristin beide Flugtickets aus eigener Tasche bezahlte. 1941 heirateten Oskar Kokokschka und Olda. Zeit seines Lebens wird sie die umsichtige Organisatorin seiner Kunst, seiner Ausstellungen und seines Heims sein. Ihr ist es zu verdanken, dass die Universität für angewandte Kunst in Wien den privaten Fotoschatz der Kokoschkas erbte.

Oskar Kokoschk a (1886–1980), Anschluss – Alice in Wonderland, 1942, Wiener Städtische Versicherung © Fondation Oskar Kokoschka/VBK, Wien 2013. Oskar Kokoschk a (1886–1980), Anschluss – Alice in Wonderland, 1942, Wiener Städtische Versicherung © Fondation Oskar Kokoschka/VBK, Wien 2013.
Kokoschkas politisches Engagement
Für die Ausstellung der Galerie Wolfberg in Zürich schuf Kokoschka eines seiner schönsten Plakate: ein jugendliches Selbstbildnis, das seine Auseinandersetzung mit dem Kubismus verrät. Den Nationalsozialisten sollte es im Katalog der Ausstellung „Entartete Kunst“ 1937 als Beleg für Kokoschkas Unzurechnungsfähigkeit dienen. Die im Juli 1937 in München eröffnete NS-Hetzschau „Entartete Kunst“ präsentierte neun Gemälde von Oskar Kokoschka. Davor waren bereits 417 Werke aus Museen und öffentlichen Sammlungen entfernt und gewinnbringend – etwa in Auktionen in der Schweiz – verkauft worden. Kokoschkas Situation war prekär, als er 1938 Prag verließ, um nach London zu fliehen: Er war ein geächteter Maler, seine Kunstwerke aus den Museen entfernt und im Katalog zur Ausstellung „Entartete Kunst“ wurden zwei seiner Grafiken abgebildet. Die Beschriftung stellt die höhnische Frage: „Welche von diesen drei Zeichnungen ist wohl von Insassen eines Irrenhauses? Staunen Sie: Die rechte obere! Die beiden anderen dagegen wurden einst als meisterliche Graphiken Kokoschkas bezeichnet.[6] Die Ausstellung tourte von München beginnend durch Deutschland und endete in Wien.
Kurz nachdem Oskar Kokoschka 1938 im englischen Exil angekommen war, begann er sich politisch zu engagieren: Zur sich verschlimmernden politischen Lage äußerte sich der Maler künstlerisch in Form von Allegorien. Das sind höchst komplexe Bilder, in denen allgemeine Begriffe, Gedanken und Theorien mit Hilfe von Figuren ausgedrückt werden wie „Anschluss – Alice im Wunderland“ (1942). Darin kritisierte der Künstler die zögerliche Haltung der Alliierten gegenüber der aggressiven Kriegspolitik Hitlers. Einen entsprechenden Kommentar dazu liefert eine von Kokoschka selbst stammende Beschriftung auf einer Fotografie von diesem Gemälde: „The „Anschluss“ 1939. Speak not evil, see not evil, hear not evil, this is how the three monkeys in the Buddhist legend are remembered. Die Wahrheit darf nicht genannt, gehört noch gesehen werden, obwohl sie ein Feigenblatt trägt, aber Wien kann ruhig abbrennen und die Kinder dort verhungern. Dies stört auch heute noch die Großmächte nicht, die ihre Generalpolitik ruhig weiterbetreiben. OK“[7].
Alice ist das nackte Mädchen rechts, das Feigenblatt macht aus ihr auch eine Eva nach dem Sündenfall. Die drei Personen in der Mitte tragen englische, deutsche und französische Stahlhelme, ihre Kleidung verrät sie als Vertreter von Staat, Militär und Kirche. Den Engländer kann man durch den Schriftzug „Our times 1938“ als den britischen Premier Arthur Neville Chamberlain identifizieren. Er hatte nach dem Münchener Abkommen davon gesprochen, den „Frieden für unsere Zeit“ - „Peace for our times“ - gerettet zu haben. Der Deutsche neben ihm lässt jedoch gerade eine Granate fallen, der Madonnenstatue rechts außen sind bereits die Köpfe abgeschlagen, und im Hintergrund brennt schon Wien.
Wenn Kokoschka auch immer wieder betonte, dass er eigentlich kein politischer Mensch wäre, so zeugen seine Werke und auch sein Handeln in dieser schwierigen Zeit von Mut und einem menschenfreundlichen Charakter. Das Eintreten für die Unterdrückten und Schwachen der Gesellschaft, immer wieder Kinder, die er durch Hilfsaktionen und Spenden unterstützte, ließen ihn nach dem Kriegsende zur moralischen Instanz in Europa werden.

Der Maler mit der gestreiften Küchenschürze
Das Bild Kokoschkas in der Öffentlichkeit wurde nach 1945 von der Fotografie geprägt. Man kann ihren Wert nicht hoch genug einschätzen, das beweist die Ausstellung des Leopold Museums. Man könnte mit der Frage, wie wird ein moderner Künstler von den Medien gemacht, durch die Ausstellung gehen und die Mediengeschichte der Fotografie bis hin zur Beobachtung, dass erst Erich Lessing des Künstler in Farbe ablichtete, Revue passieren lassen. Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts ist durch den enormen Zuwachs an Massenmedien wie Zeitschriften und Illustrierten gekennzeichnet. Den Künstler zu Wort und auch ins Bild kommen zu lassen, lag daher nahe. Er selbst sollte seine Werke erklären, seine Bedeutung wird über Fotostrecken und seine Bekanntschaft mit wichtigen Politikern der Zeit. Er porträtierte Konrad Adenauer und Theodor Körner, beschäftigte sich für die Salzburger Festspiele mit Bühnenbildern und Kostümentwürfen und lehrte an der „Schule des Sehens“ (ab 1949). Viele Fotografien zeigen den Künstler bei der Arbeit, wie jene eines anonymen Fotografen, der ihn auf der Rampe im Kölner Dom besuchte, als Kokoschka im Oktober 1956 vor dem Motiv (singulär in seinem Werk!) malte. Franz Votava beobachtet den Künstler beim Ausführen des Bildes „Die Wiener Staatsoper“ (1956), von einem anonymen Fotografen stammt das Bild von Kokoschka vor „Berlin – 13.August 1966“: in beiden Aufnahmen trägt Kokoschka ein weißes, kurzärmeliges Hemd mit Krawatte, das Jackett hängt säuberlich auf einem Kleiderbügel an der Wand, eine gestreifte Küchenschürze schützt ihn vor Farbflecken. Repräsentative Porträts inszenieren ihn als ehrwürdigen, nachdenklichen Maler. Ab den 50er Jahren ist eine zunehmende Konzentration auf den Kopf oder das Gesicht des Künstlers feststellbar. Kokoschka wird in manchen Aufnahmen ganz Kopf! Das Geistige der Schöpfung wird dabei zulasten des Handwerklichen betont.

Jerusalemer Gesichter
Zwischen dem 15. und 22. März 1973 hielt sich der 87-jährige Kokoschka in Jerusalem auf, um Porträts von führenden Persönlichkeiten der Stadt für die „Jerusalem Foundation“ zu zeichnen: Golda Meir, der 96. Griechisch-Orthodoxen Patriarch von Jerusalem, Benedictos I., der Vorstand der Omar-Moschee, Scheich Mustafa Khalil el-Ansari, der Bürgermeister von Jerusalem, Teddy Kolleck aber auch den israelischen Verteidigungsminister Moshe Dayan. Diese Porträtsitzungen mündeten 1975 in einer Lithografie-Folge, die unter dem Titel „Jerusalem Faces“ in London herausgegeben wurde. Die Verleger stifteten der „Jerusalem Foundation“ die Herstellungskosten und den Verkaufsgewinn. Friedlich sind die politischen und geistlichen Führer in der Lithographiefolge vereint. Nichts deutet auf den knapp ein halbes Jahr später aufflammenden kriegerischen Konflikt hin, der als der Yom-Kippur-Krieg in die Geschichte eingehen und in Europa die Ölkrise auslösen sollte.

Oskar Kokoschka, Doppelbildnis Olda und Oskar Kokoschka, 1963, Dauerleihgabe der Fondation Oskar Kokoschka, Vevey / Museum der Moderne Salzburg © Fondation Oskar Kokoschka/VBK, Wien 2013, Foto: Alexandra Matzner. Oskar Kokoschka, Doppelbildnis Olda und Oskar Kokoschka, 1963, Dauerleihgabe der Fondation Oskar Kokoschka, Vevey / Museum der Moderne Salzburg © Fondation Oskar Kokoschka/VBK, Wien 2013, Foto: Alexandra Matzner.

Kokoschka – Das Ich im Brennpunkt
Die Ausstellung im Leopold Museum gibt einen guten Überblick über Schaffen, Selbstverständnis und Karriere Kokoschkas. Wie zwei Brennpunkte einer Ellipse sind Fotografien und Werke einander im Dialog gegenübergestellt, die Besucher_innen bewegen sich auf der Suche nach Kokoschkas „ICH“ zwischen fotografischen Erinnerungen an ihn und Spuren seiner Person in verdichteter Malerei.






Literatur:
Ludwig Hevesi: Altkunst – Neukunst. Wien 1894-1908, Wien 1909, hg. von Otto Breicha, Wien 1986
Oskar Kokoschka: Mein Leben, Wien 2008, S. 113.
Tobias G. Natter: Kokoschka und Wien (Begleitband zum Ausst.-Kat. Kokoschka und Dresden 18.12.1996–2.3.1997), Wien 1996
Tobias G. Natter, Franz Smola (Hg.): Kokoschka – Das Ich im Brennpunkt. Eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Oskar Kokoschka-Zentrum der Universität für angewandte Kunst Wien (Ausst.-Kat. Leopold Museum, Wien, 4.10.2013–27.1.2014), Wien 2013.
Heinz Spielmann: Oskar Kokoschka. Leben und Werk, Köln 2003, S. 261.



[1] Ludwig Hevesi: Altkunst – Neukunst. Wien 1894-1908, Wien 1909, hg. von Otto Breicha, Wien 1986, S. 313: Der Kunstkritiker Ludwig Hevesi schrieb über den Beitrag Kokoschkas für die „Kunstschau“ 1908, dass es auch an einem „wilden Kabinett“ nicht fehlen würde und der „Oberwildling“ Kokoschka hieße.
[2]
Oskar Kokoschka: Mein Leben, Wien 2008, S. 109.
[3]
Herwarth Walden hieß eigentlich Georg Lewin und war einer der wichtigsten Unterstützer der Avantgarde der 1910er und 1920er Jahre. Die von ihm mit Unterstützung von Karl Kraus gegründete Zeitschrift „Der Sturm“ erschien von März 1910 bis 1932. Ab 1912 betrieb er auch die Sturm-Galerie, in der Oskar Kokoschka erste Kontakte zu wichtigen Berliner Sammlern und dem Galeristen Paul Cassirer knüpfen konnte. 1932 emigrierte Herwarth Walden gemeinsam mit seiner dritten Ehefrau nach Moskau, um als KPD Mitglied dem NS-Terror zu entgehen. Die stalinistische Sowjetregierung misstraute jedoch dem Lehrer Walden, da er sich öffentlich zur Avantgarde-Kunst bekannte. Am 31. Oktober 1941 starb Walden in einem Gefängnis bei Saratow, in das er aufgrund seiner deutsch-jüdischen Wurzeln „als Staatsfeind“ eingeliefert worden war. Seine Frau und seine 1933 geborene Tochter Sina konnten sich in die deutsche Botschaft retten und fliehen. Siehe: Tobias G. Natter: Kokoschka und Wien (Begleitband zum Ausst.-Kat. Kokoschka und Dresden 18.12.1996–2.3.1997), Wien 1996, S. 40.
[4]
Oskar Kokoschka: Mein Leben, Wien 2008, S. 113.
[5]
Zit. nach Heinz Spielmann: Oskar Kokoschka. Leben und Werk, Köln 2003, S. 261.
[6]
Zit. nach einer Abbildung der Katalogseite im Katalog: Tobias G. Natter, Franz Smola (Hg.): Kokoschka – Das Ich im Brennpunkt. Eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Oskar Kokoschka-Zentrum der Universität für angewandte Kunst Wien (Ausst.-Kat. Leopold Museum, Wien, 4.10.2013–27.1.2014), Wien 2013, S. 173.
[7]
Zit. nach ebenda, S. 186.