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Max Ernst, Pietà oder die Revolution bei Nacht, 1923 (Tate, London), Installationsansicht Albertina 2013, Foto: Alexandra Matzner
Max Ernst. RetrospektiveTeil 1: Wie Max Ernst ein surrealistischer Maler wurde |
Albertina Fondation Beyeler |
Die retrospektiv angelegte Schau über Max Ernst (1891-1976) bringt ca. 180 Werke des umtriebigen Deutsch-Franzosen in der Albertina zusammen. Der erste malende Surrealist war Autodidakt und unglaublich umtriebig: Er bevorzugte neben der Ölmalerei noch die Collage, im Laufe der 1920er Jahre erfand er in Anlehnung an das automatische Schreiben noch drei weitere Maltechniken. Bei wenigen Künstlern der Zeit lässt sich die Problematisierung von „Stil“ oder der wiedererkennbaren Handschrift eines Künstlers so präzise nachvollziehen wie bei Ernst. Jeder Raum der Schau entspricht quasi einem anderen Künstler, der sich an Werkgruppen und Themenkomplexen abarbeitete.
Wie Max Ernst ein surrealistischer Maler wurde
„Der Surrealismus ist keine poetische Form. Er ist ein Aufschrei des Geistes, der zu sich selbst zurückkehrt“[1], so erklärte Antonin Artaud Anfang 1925 das Wollen der Gruppe. Im Jahr davor hatte André Breton, zentraler Propagator der literarischen Surrealisten, die Malerei nur am Rande erwähnt dabei aber Max Ernst als einzigen Maler gelten lassen. Breton hatte den jungen Maler 1921 zu einer ersten Ausstellung nach Paris eingeladen. Ernst sollte ein Jahr später endgültig in die französische Hauptstadt umziehen, Ehefrau und Sohn in Deutschland zurücklassen und sich ganz der Malerei hingeben.
Max Ernst war Autodidakt; er erlernte das Malen von seinem Vater, einem „Sonntagsmaler“. Aber der am 2. April 1891 im rheinischen Brühl geborene Künstler hatte zwischen 1910 und 1914 an der Universität Bonn Altphilologie, Philosophie, Psychologie und Kunstgeschichte studiert. Bereits vor Kriegsausbruch wurden seine künstlerischen Ambitionen offensichtlich, stellte er doch mit Vermittlung von August Macke 1913 in Köln zum ersten Mal aus. Im Ersten Weltkrieg wurde er für seine Verdienste ausgezeichnet und ist, seinem Empfinden nach, erst 1919 wiedergeboren worden. Nach dem Krieg gründete Max Ernst gemeinsam mit Johannes Baargeld (Pseudonym für Alfred Gruenwald) sowie Hans Arp die Kölner Dada-Gruppe und heiratete seine Studienkollegin Luise Straus-Ernst. Der Ehe sollte ein Sohn entspringen, die Jüdin Luise Straus-Ernst 1944 in Ausschwitz ermordet werden. Die frühesten Gemälde Max Ernsts sind kleinformatige Kompositionen, in denen er den Rheinischen Expressionismus – u.a. von August Macke und Heinrich Campendonk – mit seinen bunten Farben und kubistisch-futuristischen Formensprache rezipiert. Mit August Macke hatte Max Ernst vor Ausbruch des Kriegs eine Freundschaft verbunden. Es traf ihn tief, als Macke fiel
Wohl in Auseinandersetzung mit dem Dada-Anti-Konzept[2], das er aus erster Hand von Hans Arp, Hugo Ball und Emmy Hennings bezog, wandte sich Max Ernst im Herbst 1919 der Collage zu.[3]Das Absurde und Unbewusste sollte für den Künstler zur Inspirationsquelle seines Lebens werden. Dazu benötigte Ernst kein akademisches Studium der Malerei oder Orientierung an Alten Meistern. Seine visuellen Puzzles lassen sich so wenig zusammensetzen, wie der Mensch zur funktionierenden Maschine wird. Aus Max Ernst wurde „Dadamax ERNST“, der gegen die bürgerliche Moral, Kultur, Kunst und Kirche zu Felde zog. Gemeinsam mit Hans Arp gestaltete Ernst 1920 Fotomontagen (kleinformatige Collagen werden abfotografiert und die Klebespuren dadurch noch mehr verwischt.), die beide mit dem Akronym „Fatagaga“ für „FAbrication de Tableaux GAzométriques GArantis“ signierten. Immer wieder ist es aber das Zerriebenwerden zwischen Natur und Technik, mit dem v.a. Kriegserfahrungen und der Umgang mit Massenmedien visualisiert werden.
(Alexandra Matzner, Wien 26.2.2013)
Hier geht es zu den nächsten Teilen:
Teil 2: Wie aus „Dadamax ERNST“ „Loplop“ wurde
Teil 3: Wie Max Ernst fliehen musste, zuerst Amerikaner und dann Franzose wurde
[1] Zitiert nach Fiona Bradley, Surrealismus, Ostfliedern 2001, S. 6.
[2] Max Ernst und seine Mitstreiter von Dada Köln hatten sich schon länger mit der von Breton, Soupault und Aragon gegründeten Zeitschrift Littérature beschäftigt (ab März 1919). Breton selbst sah in Tristan Tzaras „Manifest Dada 1918“ den „Urknall“ der Bewegung: Es proklamierte den Bruch der Kunst mit der Logik, die Notwendigkeit, „eine große negative Arbeit zu verrichten“, und hebe die Spontaneität in den Himmel. Zit. Nach ebenda, S. 18-19.
[3] Lea Dickerman, DADA: Zurich, Berlin, Hannover, Cologne, New York, Paris (Ausst.-Kat. Centre Pompidou, Musée national d`art moderne, Paris 5.10.2005-9.1.2006; National Gallery of Art, Washington, 19.2.-14.5.2006; The Museum of Modern Art, New York, 18.6.-11.9.2006), Washington 2005, S. 221.