Max Ernst, Die Lebensfreude, Detail, 1936 (Scottish National Gallery of Modern Art, Edinburgh, purchased with the assistance of the Heritage Lottery Fund and the Art Fund 1995), Installationsansicht Albertina 2013, Foto: Alexandra Matzner
NEWS
  • 2016 Zürich, Manifesta 11 Christian Jankowski - Karator der kommenden Manifesta in Zürich
  • 2.10.2014 Klosterneuburg, Essl, 19:00 Eröffnung „die zukunft der malerei. eine perspektive"
    (3.10.2014-8.2.2015)
  • 1.-31.10.2014 Wiener Secession, Ausschreibung „gerhard und Birgit Moser-Preis für Gegenwartskunst, Secession Wien"
    (Verleihung 19.1.2015)
  • 3.10.2014 Wien, mumok, 19:00 Ausstellungseröffnung „COSIMA VON BONIN. HIPPIES USE SIDE DOOR. DAS JAHR 2014 HAT EIN RAD AB"
    (4.10.2014-18.1.2015)
  • 30.9.2014 Wien, Kunsthalle, 19:00 Ausstellungseröffnung „Blue Times"
    (1.10.2014-11.1.2015)
  • 9.10.2014 Zürich, Kunsthaus, 19:00 Ausstellungseröffnung „Egon Schiele - Jenny Saville"
    (10.10.2014-25.1.2015)
  • 10.10.2014 Wien, Unteres Belvedere, 19:00 Ausstellungseröffnung „Hagenbund. Ein europäisches Netzwerk (1900-1938)"
    (11.10.2014-1.2.2015)

Max Ernst, Histoire naturelle: Blättersitten, 1925 (Privatsammlung), Installationsansicht Albertina 2013, Foto: Alexandra Matzner Max Ernst, Histoire naturelle: Blättersitten, 1925 (Privatsammlung), Installationsansicht Albertina 2013, Foto: Alexandra Matzner

Max Ernst. Retrospektive

Teil 2: Wie aus „Dadamax ERNST“ „Loplop“ wurde

Albertina
bis 5.5.2013

Fondation Beyeler
Riehen / Basel
26.5.-8.9.2013

Die retrospektiv angelegte Schau über Max Ernst (1891-1976) bringt ca. 180 Werke des umtriebigen Deutsch-Franzosen in der Albertina zusammen. Der erste malende Surrealist war Autodidakt und unglaublich umtriebig: Er bevorzugte neben der Ölmalerei noch die Collage, im Laufe der 1920er Jahre erfand er in Anlehnung an das automatische Schreiben noch drei weitere Maltechniken. Bei wenigen Künstlern der Zeit lässt sich die Problematisierung von „Stil“ oder der wiedererkennbaren Handschrift eines Künstlers so präzise nachvollziehen wie bei Ernst. Jeder Raum der Schau entspricht quasi einem anderen Künstler, der sich an Werkgruppen und Themenkomplexen abarbeitete.

Wie aus „Dadamax ERNST“ „Loplop“ wurde

„Loplop“ sollte der Name jenes mythischen Vogels sein, den Max Ernst Ende der 20er Jahre als Alter Ego (oder Symbol für einen Teilaspekt seines Charakters) erfindet. Der Vogel ist ein Synonym für Freiheit und Gefangenschaft, je nachdem in welchem Kontext er gesetzt wird.

Als Max Ernst 1922 seine Familie verließ, um nach Paris zu gehen, wurde er vom Ehepaar Paul und Gala Éluard in deren Haus aufgenommen. Ein Jahr später hatte sich eine Liebesbeziehung zwischen Gala und Max Ernst entwickelt, auf die das großformatige Gemälde „Beim ersten klaren Wort“ hinweisen könnte. Das ambitionierte Bild zeigt die schlanken Zeige- und den Mittelfinger einer Hand überkreuzt, dazwischen ein roter Ball. Links läuft eine Gottesanbeterin die Wand hinauf und zieht einen Faden hinter sich her, der den Schriftzug M(A)X erahnen lässt. Die „Bäume“ ähneln Artischocken. Die Finger-Ball-Konstruktion bezieht sich auf ein Wahrnehmungsexperiment, das die Beteiligung des Hirns an der Deutung der Umwelt offenbart (anstatt eines Balles „fühlt“ man zwei) - wobei die Finger an sehr elegant übereinandergeschlagene Beine erinnern. Die Gottesanbeterin könnte ein Synonym für Gala sein, die Max Ernst an der Leine führt, während die „Artischocken“ auf ein französisches Sprichwort verweisen und das sich leicht verliebende Herz des Künstlers bedeuten könnten. Die mit Präzision und Glätte ausgeführte Malerei versagt sich einer Handschaft des Künstlers, um die Objekte leicht erkennbar aber in irrationalen Zusammenstellungen zu schildern. Wie Bildrätsel stehen Max Ernsts Werke vor den Betrachter_innen. Dem Nihilismus der Dada-Zeit setzten Max Ernst und André Breton nun die „Traumperiode“ entgegen. Bilder entstanden durch Erinnerungsfetzen aus dem Unbewussten. Die Symbole sind jedoch vieldeutig und bedürfen der Interpretation aus dem Kontext. Diese „halluzinatorischen“ Bilder sind ein völlig neuer Aspekt der surrealistischen Bildproduktion.

Im Jahr 1924 wird Max Ernst als einziger Maler im Manifest des Surrealismus von André Breton verewigt. Ab dem folgenden Jahr erzielt der Künstler ein regelmäßiges Einkommen, und ändert seine Kunst von Grund auf. Entsprechend der Maxime – ein Künstler, der sich gefunden habe, sei verloren – arbeitet Ernst „stillos“ und erfindet neue Maltechniken, mit denen er das automatische Schreiben der Literatenfreunde auf die Malerei überträgt. Frottage (das Durchreiben von vorgefundenen Strukturen auf einen Bildträger), Grattage (das Herunterkratzen von angetrockneter Farbe) und Dekalkomanie (das Abklatschen von noch feuchter Farbe auf einen Malgrund) bis hin zur Oszillation (dem automatischen Schreiben von Linien auf einem Bildträger durch Schwingen einer leckenden Farbdose) werden in den folgenden 15 Jahren die Ästhetik seiner Bilder prägen. Berühmt sind die Blätter der „Histoire naturelle“ (1925), für deren Gestaltung das Muster des alten, hölzernen Fußbodens eine bedeutende Rolle spielt. Das Unbewusste und das Über-Ich, beide nicht oder nur schwer fassbar, produzieren Visionen von kämpfenden oder sich windenden Pferde-Menschen-Gruppen, undurchdringlichen Wäldern und einsamen Städten. Gleichzeitig, wie als „Urlaub“ von der Düsternis, arbeitet Max Ernst aber auch an höchst dekorativen „Schneeblumen“, für die er Farbe mit der Spachtel aufträgt und sich zufällig mischende Farbharmonien erzeugt.

(Alexandra Matzner, Wien 26.2.2013)


Hier geht es zu den nächsten Teilen:

Teil 1: Wie Max Ernst ein surrealistischer Maler wurde

Teil 3: Wie Max Ernst fliehen musste, zuerst Amerikaner und dann Franzose wurde