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Max Ernst, Napoleon in der Wildnis, 1941 (The Museum of Modern Art, New York), Installationsansicht Albertina 2013, Foto: Alexandra Matzner
Max Ernst. RetrospektiveTeil 3: Wie Max Ernst fliehen musste, zuerst Amerikaner und dann Franzose wurde |
Albertina Fondation Beyeler |
Wie Max Ernst fliehen musste
1929 kehrte Max Ernst zur Collage zurück. Jetzt entstanden jene berühmten, aus Liebesromanen und populärwissenschaftlichen Publikationen zusammengestellten, bizarren Bildwelten, für die Ernst berühmt ist. Die Collage ist als Technik kaum erkennbar, so genau arbeitete der Künstler mit Schere und Kleister. In langen Serien bringt Ernst eine Welt ans Tageslicht, die sich jeder Logik und Erzählung entzieht. Der Künstler, so ist sich Max Ernst sicher, ist der Entdecker (seiner selbst?) und kein genialer Schöpfer – daher das Arbeiten mit gefundenen Materialien, das neue Zusammenstellen.
Die in den frühen 30er Jahren entstandenen Dschungelbilder weisen bereits auf den Krieg voraus. Die Vegetation ist zwar auf dem ersten Blick anheimelnd grün gegeben, der genaue Blick offenbart jedoch unheimliche Kreaturen, Tiere und Gesichter. Hier zeigt sich, dass Ernst ein Liebhaber der Gemälde von Henri Rousseau war, er wandelte aber in der Kenntnis von Hieronymus Bosch alles ins Unheimliche. Wie ein Gegensatz zur grünen Hölle muten die versteinerten Reiche der späten 30er Jahre an. Inspiriert durch südfranzösische Tropfsteinhöhlen, Max Ernst lebte von 1938 bis 1940 in Saint-Martin-d`Ardèche, erfand er wüstenartige, erstarrte Gebilde, in denen Gesichter fast wie bei Totempfählen oder Tony Craggs Skulpturen in Stein gehauen erscheinen.
Zwei Mal wurde Max Ernst inhaftiert, zwei Mal ist ihm mit Glück die Flucht geglückt. Zuerst wurde er von den Franzosen verhaftet, weil er nach Kriegsausbruch als Deutscher in feindlichem Territorium lebte. Das zweite Mal inhaftierte ihn die Gestapo, da Max Ernst als ein „entarteter Künstler“ eingestuft worden war, zwei seiner Bilder waren auf der Ausstellung „Entartete Kunst“ 1937 zu sehen. Mit der Hilfe von Peggy Guggenheim, seiner (kurzzeitigen) dritten Frau, und seinem Sohn Jimmy, der sich bereits seit 1938 in den USA aufhielt, gelang die Flucht über Spanien und Portugal.
Wie Max Ernst ein Amerikaner und dann ein Franzose wurde
Im Exil beschäftigte sich Max Ernst mit der kriegerischen Gegenwart und seiner künstlerischen Vergangenheit. In der „Rheinischen Nacht“ (1944) thematisierte er die Bombardierung Kölns. Mit „Bewildered Planet“ erfand er die „Oszillation“, das tropfende Malen erzeugt netzartigen Strukturen, die noch Planetenbahnen als Referenz haben. In „Vox angelica“, dem wichtigsten Bild für Kurator Werner Spies, entwickelte Max Ernst eine Art von Setzkasten, in den er Details und Elemente früherer Bilder „verstaute“. Da der Surrealismus bereits Mitte der 1930er Jahre internationale Anerkennung erhalten hatte, wurde die Bewegung relativ schnell auch populär. 1946 gewann Max Ernst eine Ausschreibung für den Film „The Private Affairs of Bel Ami“ von Albert Lewin. Sein Gemälde „Die Versuchung des hl. Antonius“ aus dem Jahr 1945 wurde als Requisite eingesetzt und zeigt den von Monstern gequälten Heiligen sich am Boden winden.
1943 ließ sich Max Ernst von Peggy Guggenheim scheiden, um mit der amerikanischen Malerin Dorothea Tanning nach Arizona zu übersiedeln. Als Maler hatte Ernst in diesen Jahren wenig finanziellen Erfolg, fand aber in der indianischen Kunst eine neue Inspirationsquelle. Amerikanischer Staatsbürger wurde Max Ernst im Jahr 1948, dennoch kehrte er 1953 wieder nach Frankreich zurück und nahm 1958 wieder die französische Staatsbürgerschaft an. Im Nachkriegseuropa galt der Surrealismus als zu „literarisch“, Erfolge wollten sich anfangs keine einstellen. Als Ernst 1954 jedoch den Großen Preis für Malerei auf der 27. Biennale von Venedig erhielt, bedeutete dies den erneuten internationalen Durchbruch und gleichzeitig den Ausschluss aus der Surrealistengruppe durch André Breton.
„Der Garten von Frankreich“ (1962) sollte ab 1955 bis zum Tod 1976 der Lebensmittelpunkt Max Ernsts bilden. Der Körper einer kopflosen Frau schmiegt sich zwischen die beiden Flüsse Loire und Indre. Das Weibliche wird hier als Ursprung des Lebens gedeutet, die weiblichen Formen mit Landschaftsformen gleichgesetzt. Gleichzeitig ist auch das Böse in den Garten Eden eingedrungen, windet sich doch eine Schlange um das Bein der Schönen. Wieder arbeitet Max Ernst mit Ambivalenz, Mehrdeutigkeit und dem Schock der ungewohnten Zusammenstellung – „so schön, wie ein Regenschirm und eine Nähmaschine, die auf einem Seziertisch zusammentreffen“ eben.
„Max Ernst. Retrospektive“ in der Albertina 2013
Werner Spieß konzentriert die Retrospektive von Max Ernst vor allem auf das Werk zwischen 1919 und 1945. Man hat fast das Gefühl nach unzähligen Räumen von äußerst unterschiedlichen Bildern auf mehr als nur einen Maler gestoßen zu sein. Dem Spätwerk wird dabei so wenig Raum gegeben, dass man sich unweigerlich fragt, ob Erst im fortgeschrittenen Alter weniger gemalt hat oder diese Werkphase weniger Anerkennung beim Kurator erfährt.
Nichtsdestotrotz wird mit dieser Schau ein Künstler vorgestellt, dessen Werk sich hauptsächlich in Privatbesitz befindet und vielleicht auch daher in Österreich in all seinen Facetten noch nicht so bekannt war. Erstaunlich die hohe malerische Qualität der Bilder und ihre Buntfarbigkeit. Interessant wie der Künstler in der Frottage aus interessanten Oberflächen mit viel Fantasie Bildhaftes entlocken kann und dabei Leonardo zitiert[1]. Obwohl Max Ernst den Verstand, den Geschmack und die Moral und sich selbst als „Schöpfer“ ablehnte, gelangen ihm m.E. überraschend schöne Bilder. Max Ernst nahm den „Tod des Autors“ (Umberto Eco) voraus und hinterließ ein facettenreiches, „stilloses“ Werk, das objektiv und scheinbar maschinell das Subjektive zu beschreiben sucht. Indem er bekannte Objekte neu zusammenstellte, wurden die Bilder zu Visionen einer vertrauten und dennoch fremden Welt. Eine Entdeckungsreise lohnt sich!
(Alexandra Matzner, Wien 26.2.2013)
Hier geht es zu den nächsten Teilen:
Teil 1: Wie Max Ernst ein surrealistischer Maler wurde
Teil 2: Wie aus „Dadamax ERNST“ „Loplop“ wurde
[1] Ganz ohne die Alten Meister war wohl auch Max Ernst nicht ausgekommen: Leonardo empfahl seinen Schülern im Traktat über die Malerei, sie sollten sich feuchte Wände genau ansehen und aus diesen wolkenartigen Flecken schöne Erfindungen ableiten.